Folgen der Dürre für Pferdehaltung und Fütterung

Österreich erlebt die trockenste Zwölfmonatsperiode seit Beginn der Wetter-Aufzeichnungen 1850. Heuknappheit und massive Ernteausfälle machen auch für Pferde vielerorts ein geändertes Futtermanagement notwendig. Das bedeutet nicht automatisch Mangelversorgung – erfordert aber genaue Überlegungen, was tatsächlich in der Raufe landet. Wichtig ist vor allem: Hygiene vor Nährwert, gezielte Korrekturen des Nährstoffprofils, die Gesunderhaltung des Mikrobioms, Stroh und Luzerne als Ergänzung, Wasseraufnahme sowie eine aktive Salzversorgung und Mineralisierung, rät Futterexpertin Daniela Vadehra.
Meteorologisch war der heurige Frühling 2026 der trockenste in der 176-jährigen Messgeschichte. Österreichweit gab es rund 50 Prozent weniger Niederschlag, regional sogar bis zu 80 Prozent. Das Landwirtschaftsministerium beziffert die Ertragsausfälle auf zahlreichen Futterflächen mit bis zu 50 Prozent. Betroffen sind neben Österreich auch Deutschland, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und weitere Teile Mitteleuropas – ein Futterzukauf aus Nachbarländern ist deshalb nur begrenzt eine Lösung.
Ein Markt, viele Abnehmer
Pferdehalter konkurrieren mit der gesamten Nutztierhaltung um denselben Markt für Heu, Stroh, Luzerne und andere Faserfuttermittel. Schlechtere Ernten bedeuten geringeres Angebot; wenn gleichzeitig Nutztierhalter wegen eigener Futterausfälle zukaufen müssen, steigt die Nachfrage zusätzlich. Besonders betroffen sind Einstellbetriebe in Ballungsräumen, die über keine eigenen Futterflächen verfügen. Mit rund 150.000 Pferden in Österreich, einem Produktionswert von bis zu 4,15 Milliarden Euro und mehr als 44.700 Beschäftigungsverhältnissen ist die Pferdehaltung dabei ein Wirtschaftsfaktor, den die Dürre spürbar trifft.
Grundversorgung und Gesundheitserhaltung haben Vorrang
Das wichtigste Prinzip bleibt auch in der Dürre, die Grundversorgung aufrecht zu erhalten sowie der Gesundheit und dem natürlichen Fressverhalten des Pferdes so gut wie möglich gerecht zu werden: Pferde sind darauf ausgelegt, über den Tag verteilt große Mengen faserreicher Pflanzen aufzunehmen, lange Fresspausen zu vermeiden und sich regelmäßig zu bewegen.
Gerade bei knapper werdendem Raufutter wird das schwieriger – und gleichzeitig können mehrere bekannte Kolik-Risikofaktoren zusammenkommen. Aus dürreerfahrenen Regionen berichten Tierärzte von einer Häufung von Kolikfällen in Trockenperioden. Ursache ist nicht die Dürre selbst, sondern vor allem die veränderten Fütterungs- und Managementbedingungen: abrupte Wechsel von Heupartien und Faserquellen, geringere Wasseraufnahme, höhere Mengen trockener Futtermittel, Hitze und Schweißverluste, verändertes Weidemanagement, längere Fresspausen bei rationiertem Raufutter sowie eine erhöhte Erd- und Sandaufnahme auf stark abgefressenen Flächen. „Besonders abrupte Futter- und Managementwechsel zählen dabei zu den wichtigsten vermeidbaren Risiken. Neue Heupartien und alternative Faserquellen sollten deshalb möglichst frühzeitig und schrittweise eingeführt werden“, betont Vadehra.
Das Mikrobiom muss mitkommen
Ein zentraler Grund, warum Pferde unterschiedliche pflanzliche Faserquellen nutzen können, liegt in ihrer Verdauungsphysiologie: Ein wesentlicher Teil der Faser wird durch Mikroorganismen in Blind- und Grimmdarm fermentiert. Diese mikrobielle Gemeinschaft kann sich an unterschiedliche Faserquellen anpassen – sie braucht dafür aber Zeit. „Genau deshalb ist es so wichtig, neue Heupartien, Stroh, Luzerne oder andere Faserquellen nicht plötzlich einzuführen. Mit jedem Futterwechsel verändert sich auch das Substrat für das Darmmikrobiom“, erklärt Vadehra. Eine möglichst stabile, faserbasierte Ausgangsration und langsame Übergänge sind daher gerade in einer Mangelsituation besonders wichtig.
Hygiene vor Nährwert
Daniela Vadehra, Gründerin des österreichischen Familienunternehmens Calapo, ist nicht nur selbst Pferde-Landwirtin und Züchterin mit über 30 Jahren Erfahrung, sondern auch aktive Distanzreiterin. Für die Futterexpertin gilt in der aktuellen Situation ein zentrales Prinzip: „Nicht jede Abweichung vom Ideal macht ein Futter unbrauchbar, aber hygienische Mängel sind die harte Grenze. Verschimmeltes oder hygienisch problematisches Futter können wir nicht wegmineralisieren“, sagt Vadehra
Gezielte Korrekturen des Nährstoffprofils
Entscheidend sei, dass Heu frei von Schimmel, Giftpflanzen und problematischen Fremdkörpern ist, sauber geerntet und gelagert wurde und sensorisch unauffällig bleibt. Ist diese Basis gegeben, lässt sich nach ihrer Erfahrung das Nährstoffprofil – beispielsweise für länger gelagertes Heu – gezielt korrigieren. Ist das Heu nicht bedarfsdeckend zur Energieversorgung, kann es mit passenden Quellen wie Hafer, Rübenschnitzel oder einer Leinsamen-/Fettquelle ergänzt werden. Proteinärmeres Heu lässt sich über Luzerne oder gezielte Aminosäurenergänzer aufwerten, Mineralstofflücken können über eine angepasste Mineralisierung ausgeglichen werden.
Stroh, Luzerne, Heupellets oder Rübenschnitzel als Alternativen
Bei knappem Heu rücken alternative Faserquellen stärker in den Fokus. „Hochwertiges Futterstroh muss hygienisch einwandfrei sein. Besonders wichtig ist, dass es nicht mit Spritzmittel behandelt wurde und ausreichend lange Halme liefert“, erklärt Vadehra. Stroh liefert große Mengen strukturreicher Faser bei niedriger Energiedichte und verlängert durch die lange Fresszeit die Beschäftigung – besonders interessant bei leichtfuttrigen oder übergewichtigen Pferden. „Viele haben Angst vor Verstopfungskoliken bei Stroh. Wenn Stroh langsam eingeführt wird, ausreichend Wasser bereitsteht und die Pferde keine Zahnprobleme haben, ist Stroh eine durchaus sinnvolle Ergänzung des Speiseplans“, so Vadehra. Als praxisorientierte Größenordnung können bei geeigneten, gesunden Pferden zunächst etwa 20 bis 30 Prozent der Raufutter-Trockensubstanz über hygienisch einwandfreies Stroh abgedeckt werden.
Auch Luzerneheu gewinnt als Faser- und Proteinquelle an Bedeutung, international wird es in vielen trockenen Regionen in deutlich größeren Anteilen verfüttert. „Luzerneheu in guter Qualität kann gesunden Pferden anteilig speziell zu Heu mit geringem Proteingehalt zugefüttert werden. Dies kann etwa für Zucht- und Aufzuchtpferde oder auch Sportpferde interessant sein, wenn wir nicht die gewünschten Heuqualitäten zur Auswahl haben“, so Vadehra. Für magenempfindliche Pferde sind unbedingt Luzerne-Cobs zu bevorzugen. Die Nährstoffe befinden sich vor allem im Blatt der Luzerne und nicht in den groben Stängeln. Eine 2016 im Fachjournal BMC Veterinary Research publizierte Untersuchung an Warmblut-Absetzern fand erhöhte Läsionsscores der Magenschleimhaut bei grob gehäckselter Luzerne, während Luzernepellets sich nicht signifikant von Heu unterschieden – als Erklärung wird die härtere, stachelige Partikelstruktur diskutiert. Für magenempfindliche Pferde, Senioren oder Tiere mit Zahnproblemen können deshalb Luzerne-Cobs eine praktikable Alternative sein. Auch Heucobs sind eine gute Variante, wenn nicht ausreichend Heu zur Verfügung steht, speziell für Pferde mit Zahnproblemen, aber nicht ausschließlich. Auch Rübenschnitzel mit einem Zuckergehalt unter 10 Prozent können sehr gut in der Rohfaserration integriert werden. „Sie sind dickdarmverdauliche Rohfaser, liefern aber keine Strukturfaser, eignen sich allerdings gut zum Aufwerten von gröberem Heu mit geringem Energiewert“, erklärt Vadehra.
Wenn die Weide zur Ausnahmesituation wird
Die Dürre verändert nicht nur die Fütterung, sondern häufig auch die Haltung: Pferde kommen von abgefressenen Weiden auf kleinere Paddocks, werden wegen der Hitze weniger bewegt oder erhalten stärker rationiertes Raufutter. Auf stark abgefressenen Flächen müssen Pferde zudem sehr nah am Boden fressen, wodurch die Aufnahme von Sand und Erde steigen kann – eine 2021 im Fachjournal Animals veröffentlichte Studie schätzt unter den jeweiligen Untersuchungsbedingungen eine tägliche Aufnahme von rund 543 bis 648 Gramm trockener Erde pro Pferd bei geringer Grasverfügbarkeit. Vadehra empfiehlt hier vor allem vorbeugendes Management: Raufen, Heunetze oder eine breite, saubere Strohunterlage können den direkten Kontakt des Futters mit offenem Boden reduzieren.
Wasseraufnahme und aktive Salzversorgung
Hinzu kommt, dass mit dem Wegfall von frischem, wasserreichem Weidegras auch eine wichtige Flüssigkeitsquelle verschwindet: Bei trockenen Rationen aus Heu und Stroh muss entsprechend mehr Wasser aufgenommen werden. Damit die Faseraufnahme und der Flüssigkeitshaushalt über den Tag im Gleichgewicht bleiben, rät Vadehra zusätzlich, Heu gezielt über geeignete Slow Feeder oder Sparnetze einzusetzen und die tägliche Salzversorgung ins Krippenfutter zu integrieren, statt sich allein auf einen Leckstein zu verlassen. Speziell bei grobstrukturigen Rationen ist besonders auf die Wasseraufnahme zu achten. „Regelmäßige, dem Pferd angepasste Bewegung und die Vermeidung unnötig langer Fresspausen gehören für mich in einer solchen Situation genauso zum Fütterungsmanagement wie die Auswahl des richtigen Futters“, so Vadehra.
Individuelle Beratung statt Standardlösung
Ob ein Pferd 20 oder 30 Prozent Stroh oder Luzerne sinnvoll verträgt, besser größere Mengen Heucobs oder ergänzend Rübenschnitzel oder Hafer braucht, hängt laut Calapo immer vom individuellen Tier ab: Körpergewicht, Body Condition Score, Alter, Zahnstatus, Haltung, Leistungsniveau und die tatsächlich verfügbaren Futtermittel spielen zusammen. „Die zentrale Kompetenz liegt nicht darin, für jedes Problem ein einzelnes Spezialfutter zu finden. Sie liegt darin, aus den tatsächlich verfügbaren Ressourcen eine funktionierende Gesamtration für das einzelne Pferd zu entwickeln“, fasst Vadehra zusammen. Calapo bietet dazu eine kostenlose, individuelle Futterberatung an, die neben der Ration auch Faktoren wie Wasser- und Natriumversorgung sowie Bewegungsmanagement mit einbezieht. „Wir denken eine Ration deshalb immer auch vom Darm aus: Welche Fasern stehen zur Verfügung, wie können sie vom Pferd genutzt werden und wie führen wir Veränderungen so ein, dass sich auch das Mikrobiom anpassen kann?“, erklärt Vadehra. Ergänzend zur Grundfütterung setzt Daniela Vadehra bei Bedarf auch auf fermentierte Pflanzensäfte aus eigener Herstellung, die das Darmmilieu während Phasen veränderter Fütterung begleiten können, ohne die Basisversorgung mit Faser, Wasser und Salz zu ersetzen.
